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Michael Vennemann –
Katzen |
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Lebensgefährten
Was soll auf einer
homepage eines Schriftstellers der Unterpunkt Katzen? Schriftsteller
und Katzen haben Tradition. Erich Kästner hatte welche, Elke
Heidenreich schrieb über ihren Nero Corleone und auch sonst scheint
es bei vielen Schriftstellern zum guten Ton zu gehören, auch ihre
Musen zumindest mit einer kleinen Geschichte zu würdigen. Ich
will da nicht nachstehen und diese Tradition gern fortführen und
Ihnen über unsere vier Katzen berichten. So wurden mir unsere
Kleinen nach langen Jahren des Nichtschreibens selbst zur
Inspiration. Schon häufig habe ich die Geschichte erzählt, wie wir
unversehens, aber nicht innerlich unvorbereitet, zu Katzeneltern
wurden. In meinem Buch 'Der Letzte
Papst - Mythos, Legende, Schicksal' habe ich ihnen ein ganzes
Kapitel gewidmet. Viele fragen schon nach, wie das nun mit unseren
Katzen war. Deshalb hier an dieser Stelle unsere ganz persönliche
Katzengeschichte für Sie, die Sie erweitert im 'Der Letzte Papst' in
Kapitel 13 wiederfinden werden:
Genusvoll rauchend lag ich
im Bett. An der Tür kratzte etwas. „Liesbeth!” rief ich,
sprang aus dem Bett und öffnete ihr. „Piiiiep!” drang es mir
entgegen. Die kleine Katze kam herein und schmiegte ihren Kopf an
mein nacktes Bein. Hinter ihr saßen Timmy und Tiger im Flur
einträchtig nebeneinander. Ich hatte die Kleinen so vermißt und sie
mich offensichtlich auch. Es muß schon etwas Besonderes passiert
sein, daß die Kater so einträchtig nahe beieinander sitzen, dachte
ich. Normalerweise hielten sie Abstand und hatten ihr eigenes
Revier, das sie eifersüchtig gegen den anderen verteidigten. Nun
waren die heimischen Reviere nicht mehr da. Es war eine fremde
Umgebung, sie fühlten sich fremd, und das mögen Katzen gar nicht,
schon überhaupt nicht diese beiden Kater. Auch Liesbeth schien sich
nicht wohlzufühlen. Sie war immer das Spring-ins-Feld unter ihnen,
fühlte sich immer, überall und bei jedem wohl, der sie kraulte, und
tat Überdies nur, was sie wollte. Sie war die heimliche Chefin der
Gang und hatte sowohl die ältere Lilly, als auch die beiden Kater
fest im Griff, doch nun war sie hier in diesem fremden Haus
irritiert und dackelte hinter jedem her, in der Hoffnung, ihren
angestammten Platz wiederzufinden.
15 Jahre hatte ich es im
Zusammenleben mit Norbert geschafft, Tiere aus unserem Leben
fernzuhalten. Norbert wollte immer Katzen haben, und ich wollte
keine Tiere, also sagte ich dann immer, daß ich einen Hund wolle. Da
aber Norbert keine Hunde mochte - „Ich hasse Hunde!” - war
das Thema jedes Mal schnell wieder erledigt.
Doch vor fünf
Jahren in einem Urlaub in Kenia lernten wir beide unsere erste Katze
Mimmi kennen. Sie kam täglich an unseren Eßtisch und wurde von uns
heimlich durchgefüttert. So ein dünnes Ding, da mußte selbst ich
Mitleid haben! In den letzten Urlaubstagen begegneten wir an der
Hotel-Rezeption einer Dame des Reiseveranstalters, auf deren
Schreibtisch die gleiche Katze saß, nur etwas größer und irgendwie
leblos in die Gegend starrend. Ich hielt sie für eine ausgestopfte
oder gut imitierte Stoffkatze, und während ich die Dame hinter dem
Schreibtisch darauf ansprach, bewegte sich das Tier plötzlich. Mir
rutschte das Herz vor Schreck in die Hose. Ich hatte sie für eine
Dekoration gehalten, und nun hatte sie den Kopf bewegt und starrte
mich an.
Mit Katzen hatte ich bislang keine große Berührung.
Gut, ich kannte ein paar, aber wir hatten nie groß Freundschaft
geschlossen. Sie waren mir eigentlich gleichgültig und fremd
geblieben. Doch diese Katze auf dem Schreibtisch interessierte mich,
und die Dame sagte uns: „Das ist Bebsy und dahinten, das sind ihre
Kinder.” Hinter ihr sprangen zwei kleinere Katzen durch die
Gegend und jetzt, angesprochen, kam die eine zu uns und schmiegte
sich an Norberts Beinen. Wir erkannten sie sofort als unsere
heimliche Mitesserin wieder, und als dann noch die Dame sagte: „Die
können Sie haben!”, sah ich Norberts leuchtende Augen. Er hatte die
kleine Katze schon auf dem Arm, und sie ließ es sich sichtlich
gefallen. „Wirklich?” war seine erstaunte Frage. Er sah mich
dabei mit großen Kinderaugen an. „Bebsy hat vier Junge. Zwei
davon habe ich bereits vermittelt, diese beiden sind noch übrig.
Eine Katze hier zu halten, ist schon schwierig, doch drei ist
einfach zu viel. Katzen gehören nach Auffassung der Einheimischen in
den Kochtopf, auch als Schlangenvertreiber werden sie in den Hotels
geduldet, doch als Haustiere sind sie hier nicht sehr beliebt. Die
Einheimischen haben schon so genug Schwierigkeiten, sich selbst und
ihre Kinder durchzubringen. Katzen sind da höchstens Suppenfleisch.”
Das rührte selbst mich an. So eine kleine Katze, und
Suppenfleisch? Wir waren entsetzt. Ich sagte: „Wir werden uns
das überlegen, trinken einen Kaffee und kommen in einer halben
Stunde zurück.” Norbert setzte die Katze ungern wieder auf den
Boden. Wir zogen ab.
„Bislang leben wir glücklich und
zufrieden ohne Katze”, gab ich zu bedenken. „Aber diese Katze
können wir doch nicht einfach hier lassen! Wer weiß, was aus ihr
wird?” „Bist Du Dir sicher, daß wir Zeit genug für eine
Katze haben?” „Natürlich haben wir das! Katzen sind
selbständig, mit ihnen muß man nicht Gassi gehen. Außerdem sind sie
sauber.” „Sie wird unser Leben verändern. Wer soll sich um
sie kümmern, wenn wir in Urlaub sind?” „Das wird sich finden.
Heinz könnte sie nehmen.” „Aber wir hatten noch nie eine
Katze.” „Du nicht, aber ich hatte früher als Kind welche
zuhause.” Lange mußte er mich nicht überreden. Sie war eine
kleine süße Katze, schmusig und springlebendig. „Und wie wollen
wir sie nach Bremen bekommen?” „Keine Ahnung. Wir fragen die
Dame! Die muß ihre Katze ja irgendwie hierher bekommen haben.”
Also gingen wir zurück und fragten. „Meine Bebsy ist von
hier. Eine echte Afrikanerin. Der Transport nach Deutschland ist
ganz einfach. Ihr fahrt zum Tierarzt, der untersucht sie und gibt
ihr die nötigen Spritzen. Dann fahrt ihr zum Konsulat und beschafft
Euch ein Einreiseformular. Das war’s.”
Hätten wir vorher von
der jetzt kommenden Aufregung für uns, aber auch für diese kleine
Katze gewußt, hätten wir es wahrscheinlich gelassen. Uns stand nun,
drei Tage vor Heimreise, nur noch Streß ins Haus. Wie bekommt man in
Kenia eine Katze zum Tierarzt? Im Karton, denn Katzenkörbe gab es
nicht. Woher bekommt man einen Karton? Vielleicht aus dem Hotel. So
ein Karton braucht Luftlöcher, also benötigten wir ein Messer. Der
Koch half weiter. Und nun mußte die Katze in den Karton. Norbert
nahm sie hoch und setzte sie hinein, Deckel zu und: Der Karton hatte
plötzlich hundert Pfoten. Die Katze, wir hatten ihr inzwischen den
Namen Mimmi, nach meiner Tante, gegeben, dachte, dies sei ein neues
Spiel. Im Handumdrehen war sie wieder draußen. Norbert versuchte es
noch zweimal, dann war uns klar, diese Katze bleibt nicht im Karton.
„Ich werde sie so nehmen.” „Das geht nicht. Wenn sie
schon jetzt so einen Terz veranstaltet, dann weißt Du, wie es im
Auto sein wird.” „Ich nehme sie auf den Schoß. Da bleibt sie
sitzen!” sagte er bestimmt.
Also hinein ins Taxi. Da das
Hotel bis zur Straße eine lange Zufahrt hatte, machte ich mir keine
all zu großen Sorgen. Sie würde ganz schnell durch eines der offenen
Fenster, die hier die fehlende Klimaanlage ersetzten, verschwinden
und zur Mutter zurücklaufen. Doch sie blieb, zu meinem großen
Erstaunen, artig bei Norbert auf dem Schoß sitzen, schaute
interessiert aus dem Fenster und war begeistert, was da alles an ihr
vorbeizog.
Auf dem Weg zum Tierarzt hielten wir am einzigen
Tierfutterladen in Mombasa. Dort sollte ich Katzenfutter kaufen.
Haben Sie schon einmal Katzenfutter gekauft, ohne zu wissen, was
‚Katzenfutter’ auf Englisch heißt? Ich auch nicht. Also
durchstöberte ich den Laden in der Hoffnung, Katzenfutter am
Dosen-Etikett zu erkennen. Am Ende fand ich eine Schachtel
Trockenfutter für Hunde. Das mußte es vorerst auch tun. Die
drei, unser Fahrer, Norbert und Katze hatten inzwischen gelangweilt
in der Hitze gewartet, wobei Mimmi sich bei Norbert sichtlich
wohlfühlte und sich zum Schlafen auf seinem Schoß eingerollt hatte.
Auch Norbert schien die Ersatzmutterrolle sichtlich zu genießen und
lächelte still vor sich hin.
Wir fuhren weiter zum Tierarzt
und waren mehr als verblüfft über diese Praxis. Draußen in den
Gehegen waren Vögel und Antilopen untergebracht, zooähnlich. Die
Praxis selbst glich mehr einer deutschen Arztpraxis für Menschen als
einer zu erwartenden Tierarztpraxis in Kenia. Alles war neu, sauber,
bequem und hatte einen hohen Standard. Der Arzt, ein Kenianer mit
guten englischen Sprachkenntnissen, kannte sich mit unserem Problem
bestens aus. Er untersuchte Mimmi routiniert, impfte sie und füllte
danach die Papiere um einen Monat vordatiert aus. Damit sollten wir
zum deutschen Konsulat gehen und hätten so keinerlei Schwierigkeiten
bei der Einreise.
Mimmi hatte die ganze Prozedur still über
sich ergehen lassen und war brav auf Norberts Arm geblieben. Auch
die Rückfahrt zum Hotel war anstandslos. Ich war erstaunt. Das
Hundefutter indes hatte es Mimmi angetan. Schon während der
Rückfahrt schnupperte sie daran. Wieder im Hotel angekommen, war ich
der King, denn ich hatte die Schachtel. Aus meiner Hand fraß sie die
ersten Hundekuchen, und auch ihr Bruder Bab kam hinzu und bekam
seinen Anteil ab. Dann war für Mimmi spielen angesagt, und wir nicht
mehr wichtig. Das war für uns der rechte Zeitpunkt, um noch vor dem
Abendessen ein kleines Schläfchen einzulegen.
Abends kamen
wir in die Hotelhalle zurück. Mimmi spielte mit einer großen
Küchenschabe. Innerhalb von zehn Minuten hatte sie die Schabe wohl
über jeden Quadratmeter der riesigen Halle gescheucht, spielte damit
abwechselnd Fußball und dann wieder Handball – Verzeihung:
Pfotenball! Nun kam sie müde vom Toben zu uns und bettelte uns an.
Natürlich hatten wir das Hundefutter für sie mit. Dann schob sich
ein großer grimmig dreinschauender Kater in die Halle, und alle
anderen Katzen verdrückten sich recht flott, auch unsere Mimmi. Er
war wohl hier der Platzhirsch und dem Augenschein nach Mimmis Vater.
Er ging auf uns zu, beugte sich über den Freßnapf und ließ auch bei
uns nicht den kleinsten Zweifel darüber aufkommen, wer hier am Napf
der wirkliche Chef war.
Am nächsten Morgen hielten wir kurz
Kriegsrat. Der Dame berichteten wir vom Besuch beim Tierarzt und
baten sie, sich bei unserer Fluggesellschaft zu erkundigen, wie wir
Mimmi nach Deutschland transportieren könnten. Wir brauchten einen
Katzenkorb!
Indes machten wir uns auf den Weg zum Konsulat.
Derselbe Taxifahrer fuhr uns quer durch Mombasa zum deutschen
Konsul. Im zweiten Stock eines nichtssagenden Betonbaus war seine
Residenz zu finden. Die Tapeten hingen braun und grün vor Schimmel
und Feuchtigkeit in Streifen von den Wänden, der Teppich zwischen
zwei überalterten und durchgeschwitzten Kordsofas war schon recht
fadenscheinig und speckig. So hatten wir uns Deutschlands Vertretung
in Kenia wirklich nicht vorgestellt, doch wir bekamen mit unserem
Impfzeugnis das Einreisepapier. Nur sagte uns die Dame hinter der
Glasscheibe, wir bräuchten auch eine Ausfuhrbescheinigung von Kenia.
Die bekämen wir beim Veterinäramt. Der Taxifahrer kannte den Weg.
Es begann unsere Suche nach dem zuständigen Sachbearbeiter.
Wieder ein sehr heißer Tag und wir wanderten treppauf, treppab durch
das Gebäude, und lagen nicht, wie andere Touristen am Strand. Wir
fanden ihn schließlich im kühlen Keller eines Nachbargebäudes und
erklärten ihm, so gut es ging, unser Problem. Er schüttelte nur
seinen Kopf und ging mit uns in sein Büro. Dort erklärte er uns lang
und breit, daß das so leider nicht ginge. Als ich ihm aber 10 Dollar
unter einen Stoß Akten schob, zückte er ohne Umschweife ein
Formular, setzte Stempel und Unterschrift darunter, und wir hatten
die Ausfuhrgenehmigung.
Zurück im Hotel erklärte uns die
Katzenmutter, der Transport gestalte sich schwierig. Wir benötigten
einen offiziell zugelassenen Tiertransportbehälter und darüber
hinaus die Zustimmung des Flugkapitäns unseres Fliegers. Die sei nur
vor Ort kurz vor Abflug zu erhalten. Ich telefonierte mit der
Lufthansa und brachte in Erfahrung, daß sie zwar solche Behälter
hätten, aber eben nur in Frankfurt. Auch gab es einen Flug über
Nairobi nach Mombasa, doch weil wir mit einer schweizerischen
Gesellschaft flögen, könnten sie uns leider nicht behilflich sein.
Man hätte da seine Vorschriften.
Im Futterladen hatte ich
Tierkörbe für große Hunde bis hin zu Wildkatzen oder gar Nashörnern
gesehen. Würde es dort auch einen für unsere Mimmi geben? Wieder ins
Taxi bei größter Mittagshitze und hin. Doch einen so kleinen Korb
für Katzen hatte man nicht für uns. Jetzt kam Norbert als Ingenieur
ins Spiel, ganz nach seiner Devise ‚Dem Ingenieur ist nichts zu
schwör!’ sprach er mit dem Taxifahrer, und der fuhr uns zu einem
großen Supermarkt. Bei unseren Fahrten durchs Land hatten wir
bereits einige landestypische ‚Einkaufsläden’ wahrgenommen,
Bretterbuden, in dem es allenfalls nur Grundnahrungsmittel gab, aber
einen Supermarkt? Wir fanden ihn, und die hatten alles, was ein
fingerfertiger und erfindungsreicher Ingenieur zum Bau eines
geeigneten Katzentransportbehälters benötigt: zwei
Kunststoffsteigen, eigentlich für den Transport von Obst oder Gemüse
bestimmt, eine Rolle Draht, dünne Schaumstoffmatten und zwei
Kunststoffschalen mit Deckel.
Später erfuhren wir, warum es
in Mombasa in diesen ärmlichen Landesverhältnissen solch einen
klimatisierten Luxus-Supermarkt und so eine pompöse Tierarztpraxis
mit einem solchen Futterladen gab. In Mombasa, wie auch in anderen
Hafenstädten rund um den Indischen Ozean, hatten sich Inder mit
ihren Handelsvertretungen niedergelassen. Sie waren aus englischer
Kolonialzeit einen anderen Standard gewöhnt und hatten sich so nach
und nach eigene Geschäfte aufgebaut, und auch die Pflege ihrer
Haustiere sollte nicht zu kurz kommen. Überdies war auch Kenia
ehemals britische Kolonie und damit bereiteter Boden für die
handeltreibenden Inder in der großen Hafenstadt Mombasa. So
ausgerüstet fuhren wir zurück ins Hotel. Allein die Blicke der
Hotelmitarbeiter, als wir mit dem ganzen Sammelsurium durch die
Halle zu unserem Zimmer marschierten, sprachen Bände. Nun galten wir
wegen unserer Aktion in Sachen Mimmi, es hatte sich schon
herumgesprochen, vollends als Spinner. Hotelgäste tragen nichts
durch ein gehobenes kenianisches Hotel, sie lassen tragen, und zwar
ihr Gepäck. Unser Gepäck heute bestand allerdings nicht aus Koffern,
Taschen, Golf- oder Tauchausrüstung, unsere Gegenstände sah man
sonst nur am Hintereingang der Küche und nicht in der Hotelhalle!
Doch man ließ uns passieren und dachte sich wohl seinen Teil. Die
spinnen, die reichen Europäer! Während Norbert im Zimmer seine
Vorbereitungen traf, war ich unterwegs zur Hotelwerkstatt, um eine
Kombizange zu leihen. Auch hier wirkten ein paar Dollarscheine
Wunder. Beide Kunststoffsteigen dienten als Boden und Deckel der
zukünftigen Katzenbox. Um sie unbeweglich aufeinander zu fixieren,
wurden sie mit Draht durch ihre Löcher am Rand ‚vernäht’. Während
wir mit der Zange herum improvisierten, klopfte es mehrmals an
unserer Tür. Der Zimmer-Boy wollte neue Handtücher bringen, obwohl
wir die schon am Morgen bekommen hatten. Dabei reckte er seinen
Hals, um durch den Türspalt zu schauen, was wir denn hier trieben.
Das wenige, was er sah, hatte seine Neugierde nicht zur Gänze
befriedigen können. Drei Minuten später fragte er, ob er das Bett
aufdecken solle und das letzte Mal wollte er dann die Blumen auf der
Terrasse gießen. Kenianische Neugier unterscheidet sich doch sehr
von der unsrigen. Während er mit mir am Türspalt sprach, versuchte
er immer wieder einen Blick ins Zimmer zu erhaschen, bis er sich
schließlich seine Nase am Terrassenfenster platt drückte.
Norbert kleidete Mimmis Transportbehälter innen mit doppeltem
Schaumstoff aus. „Mimmi soll sich ja auch nicht während des
Transportes verletzen”, sagte er. Der gesamte Käfig bekam noch
eine Einteilung für das Katzenklo, einen Wassernapf und eine an
Bändern befestigte Klappe. Und fertig war die Laube, so stabil, daß
ich mich darauf setzen konnte. Nur leider war dieser Behälter noch
nicht offiziell zugelassen.
Am nächsten Morgen erfuhren wir
beim Frühstück, es werde ein Tierarzt im Hotel erwartet, dieser
wolle einige Katzen zum Kastrieren einfangen. Ihn fing ich in der
Hotelhalle ab, erzählte ihm von unserem Problem, und für wiederum
ein paar Dollar ließ er den Käfig offiziell zu! Nun hing alles nur
noch vom Flugkapitän ab.
Abends, kurz vor unserem Transfer
zum Flughafen, sammelten wir Mimmi ein, verabschiedeten uns von der
Katzenmutter und fuhren mit dem Taxi los. Das Taxi wartete am
Flughafen, bis wir die Zustimmung des Kapitäns hatten. Der meinte
nur zu seiner Chefstewardeß: „Räumen Sie mal mein Gepäck nach hinten
und stellen Sie den Käfig zwischen die Garderobe und der letzten
Sitzreihe der ersten Klasse.” Norbert und ich waren fertig von
der ganzen Aufregung und der Hitze, vom Streß der letzten Tage und
der Ungewißheit, ob Mimmi nun mitkommt oder nicht. Jetzt saßen wir
in der zweiten Klasse, die Katze vorn in der ersten und neben mir,
noch vor dem Start fest schlafend und laut schnarchend, mein
Norbert.
Für Mimmi hatte uns der Tierarzt noch ein paar
Beruhigungstabletten mitgegeben. Zwei hatte sie bereits im Taxi
bekommen, danach mußte sie in den Käfig. Nun jammerte sie noch ein
wenig über ihre verlorene Freiheit im handgefertigten, goldenen
Zwinger. In der Abflughalle hatte ich mit ein paar Dollar dafür
gesorgt, daß Mimmis Behälter den Aufkleber ‚Handgepäck’ bekam. Wir
wollten sie nicht eingesperrt im Bauch des Flugzeuges wissen. Mit
seinem ‚Handgepäck’ ging Norbert dann durch die Sperre für
Behinderte vorbei an der Warteschlage der Mitreisenden. Ich mühte
mich indes mit dem lumpigen Gepäck für uns Menschen ab, den Tickets
und den Bordkarten. Bei der Durchleuchtungsmaschine ließ Norbert
dann den Ausländer raushängen. Er weigerte sich schlicht weg, den
Käfig mit Mimmi durch die Maschine laufen zu lassen, aber
herausnehmen durfte er die Katze auch nicht. Ich stand in der
Schlange und sah mir mit den Mitreisenden das Schauspiel an.
Schlußendlich gab sich der Beamte mit der Sichtkontrolle zufrieden,
nachdem Norbert ihm einen Dollarschein zugesteckt hatte. Den
Taxifahrer, er wartete bis zum Schluß auf die Entscheidung des
Kapitäns, damit er Mimmi bei Erfolglosigkeit unserer Aktion wieder
mit zurücknehmen konnte, hatte ich mit meinen Restdollars
verabschiedet. Nun waren wir pleite.
Eine kleine Aufregung
gab es noch bei der Zwischenlandung in Frankfurt. Während ich auf
das Gepäck aus dem Bauch der Maschine wartete, waren meine beiden
bereits auf dem Weg in die Halle, so meinte ich jedenfalls. Wir
hatten uns links im Gang hinter dem Zoll verabredet. Nun mühte ich
mich wieder wie ein indischer Kuli mit dem Wagen voller Koffer ab
und suchte nach ihnen, doch sie waren auf der linken Seite nicht zu
finden! Ich ging durch die wartende Menschenmenge hindurch links
herum bis zum Ende, fuhr hinauf in die obere Abflughalle, fuhr dort
hin und her. Nichts. Vielleicht beim Zoll hängengeblieben, war mein
nächster Gedanke. Dann wieder hinunter und dort am Ende rechts!
Und dort ganz hinten saß jemand am Boden zusammengekauert mit
irgendwelchen Utensilien um sich versammelt – Norbert! So schnell
ich mit dem Gepäckwagen eben konnte, bin ich auf ihn zu geeilt.
Norbert saß im Schneidersitz, und die Kleine lag eingerollt in
seinem Schoß. Sie schlief friedlich. Mit dem Finger auf dem Mund
bedeutete er mir, still zu sein: „Pst, sie schläft!”,
raunte er. Das konnte ja in Zukunft heiter werden! Um ihn
herum versammelt lagen Trinknapf und Freßschale, die Tüte mit dem
Hundefutter, seine Jacke, die Zigaretten und aus dem Mülleimer der
Aschenbechereinsatz. Ich setzte mich daneben. Zwei Parkpenner mit
ihrer Katze, unrasiert, ungewaschen und durchgeschwitzt nach einem
sehr langen Flug. Ich zog eine Wasserflasche aus der Reisetasche und
wir tranken. Nur der Rotwein fehlte für das fertige Bild. Beim Zoll
hatte der Beamte in den Korb geschaut und die Katze gesehen. Mit
dem Vermerk: „Wie meine Frau! Gehen Sie bloß weiter!” war Norbert
mit Mimmi durch den Zoll gekommen, ohne daß jemand auch nur einen
Blick in die hart erarbeiteten und teuer bezahlten Papiere geworfen
hatte.
Jetzt ging der Flug weiter von Frankfurt nach Bremen.
Ich hatte zwischendurch meinen Bruder angerufen und ihn gebeten,
unseren Wagen ins Parkhaus am Flughafen zu fahren. Ich wollte nicht
mit dem Taxi quer durch die Stadt mit all dem Gepäck und der Katze.
In Frankfurt hatten wir verabredet, zunächst bei der
Lufthansa für den Weiterflug anzufragen, ob es Probleme mit der
Katze im Flugzeug gäbe. Wenn ja, wäre ich mit dem Gepäck geflogen
und Norbert mit der Bahn nachgekommen. Es gab glücklicherweise keine
Probleme mehr. Nur als die Stewardeß über Osnabrück feststellte, daß
Norbert die Katze immer noch im Schoß und nicht im Käfig hatte,
ermahnte sie uns, daß das ja nun so nicht ginge. „Was wollen
Sie dagegen machen? Zurückfliegen oder mich rauswerfen?” war
seine Reaktion darauf.
Mimmi hat uns schon vor Jahren
verlassen. Sie fühlte sich von Anfang an bei uns sofort heimisch,
hatte ihre Katzenklappe in der Tür der Waschküche bekommen, ging und
kam, wann immer sie wollte, wurde bei uns schwanger und brachte mit
Norberts Hilfe drei kleine Katzen zur Welt. Sie hatte sich bei uns
wohlgefühlt, doch eines Tages war ihre Tochter Zilly und dann 14
Tage später Mimmi selbst verschwunden. Wir hatten das Haus
auseinandergenommen, hinter jeden Schrank geschaut, in jede Ritze.
Sie waren nicht mehr da. Wir verteilten Handzettel, fuhren
wöchentlich ins Tierheim, doch sie tauchten beide nicht mehr auf.
Nach drei Monaten gingen wir sogar zu einer ‚Seherin’. Sie sagte uns
jedoch nicht viel Schönes, und Norbert und ich litten. Monate später
verschwand dann auch noch auf unerklärlicherweise Mimmis ältester
Sohn Tiger. Zwischenzeitlich hatten wir bereits Mimmis zweiten Sohn
einer Freundin versprochen, und so war auch der kleine Robbi weg. Da
waren wir dann alle Katzen los. Wir beide trauerten still in uns
hinein.
Über einen Arbeitskollegen kamen Timmy und Lilly zu
uns, zwei aufeinander fixierte Geschwister-Katzen, für die wir nur
der Dosenöffner waren. Im Herbst folgte dann Liesbeth, eine
Katzentochter von einer Tante von Norbert, denn wo zwei Katzen satt
werden, wird das auch eine dritte. Sie tröstete uns mit ihrem
eigensinnigen, aber anhänglichen Wesen über den Verlust von Mimmi
hinweg.
Und im Frühjahr drauf rief dann das Tierheim an.
Eine Dame sagte: „Sie können Ihren Kater abholen, er ist
aufgegriffen worden.” Nur wir vermißten unseren Kater nicht! Er
lag friedlich in seinem Korb und schlief tief und fest. Das
antwortete Norbert auch der Dame am Telefon, die ihn dann fragte:
„Aber wieso? Nach der Tätowierung in den Ohren sollte das Ihr
Kater sein!” Da fiel bei Norbert der Groschen pfennigweise.
Gleich darauf rief er mich im Büro an. „Sitzt Du gerade?”
„Ja, wieso?” „Tiger ist aufgegriffen worden und steht
zur Abholung im Tierheim bereit!” Sofort bestellte ich mir
am Empfang ein Taxi und fuhr zum Tierheim. Man zeigte mir einen
Käfig, in dem ein bräunliches Knäuel ganz hinten in einer Ecke
zusammengekauert hockte. „Ja, das Tier ist sehr schreckhaft und
nicht ansprechbar. Gestern Abend ist er eingefangen worden. Vom
Tierarzt wollte er sich nicht untersuchen lassen, und seitdem hockt
er dahinten. Er frist und säuft auch nicht.” Ich hockte mich hin
und flüsterte leise seinen Namen: „Tiger!” Da gingen seine Ohren
hoch und als ich ihn dann ein zweites Mal ansprach, wußte er, daß
ich es bin. Er hob den Kopf und kam scheu zum Gatter, aber nachdem
er an meiner Hand gerochen hatte, brach es aus ihm heraus: „Mau, Mau
,Mau!” Es war eindeutig unser Tiger, die alte Quatschtasche,
Mimmis erstgeborener Sohn. Ich öffnete das Gatter und nahm ihn
auf den Arm. „Das sollten Sie nicht tun. Hinterher läuft er hier
raus und dann müssen wir ihn wieder einfangen.” Aber Tiger
kuschelte sich schon in meine Jacke und war nach drei Jahren
Heimatlosigkeit sichtlich froh, wieder bei einem bekannten Geruch
und einer bekannten Stimme im Arm zu liegen und geborgen zu sein.
Und nicht nur er!
Und jetzt lag der kleine Kerl neben mir
auf dem Bett und schnurrte zufrieden, weil jemand da war, den er
hier in diesem fremden Haus kannte.
Wenn Sie mir auf
meine Arbeit hin schreiben möchten, freue ich mich über Ihre
Rückmail: rueckmeldungen@michael-vennemann.de
Die Bücher
des Schriftstellers - Die Bilder des
Malers
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